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Plakat Ich und mein Selfie final23.05.2018
Ich und mein Selfie
aNKÜNDIGUNGEN FÜR 2019

 

 

 

 

„Sie ist ganz Kunst“.

Ida Kerkovius – Eine Künstlerin des Bauhauses

 

Kunsthaus Apolda Avantgarde, 13. Jan. – 31. März. 2019

 

Unter den Künstlern der Klassischen Moderne im 20. Jahrhundert ist Ida Kerkovius eine Ausnahmeerscheinung. Nie unterwarf sich die in Riga geborene Deutsch-Lettin stilistischen Modeströmungen, noch schloss sie sich je einer der bekannten Künstlervereinigungen an. Trotzdem kulminieren in ihrem Werk die großen Strömungen ihrer Epoche: Sie widmete sich mit Hingabe der gegenständlichen Darstellung von Landschaften, Menschen und Städten, experimentierte aber auch mit dem Verhältnis von Form und Farbe und gelangte so zu einer abstrakten Bildsprache. Beide Tendenzen verfolgte sie gleichzeitig und über ihr gesamtes Schaffen hinweg. „Bei mir gehen übrigens die verschiedensten Dinge nebeneinander her“, so äußerte sie. „Ich brauche den Wechsel, die Spannung zwischen Natur und freier Gestaltung.“ Zeitlebens verfolgte Ida Kerkovius ihren eigenen Weg und stellte die Kunst und den künstlerischen Ausdruck vor jede Programmatik. „Sie ist ganz Kunst“, so äußerte Alexej von Jawlensky anerkennend angesichts eines Werkes, das sich selbst keine Grenzen setzte.

Als Ida Kerkovius im Wintersemester 1920/1921 an das Bauhaus kam, war sie kein unbeschriebenes Blatt. 1899 hatte sie bereits ein Diplom an einer privaten Mal- und Kunstschule in Riga abgelegt und schloss sich nach einer Reise durch Italien im Jahr 1902 für fünf Monate der Dachauer Malerkolonie um Adolf Hölzel an. 1908 zog es sie nach Stuttgart, wo sie mit offenen Armen von Hölzel aufgenommen wurde, der die Kompositionsklasse an der „Königlich Württembergischen Akademie der bildenden Künste“ führte. Sie wurde seine Meisterschülerin und seine Assistentin mit eigenem Atelier und unterrichtete unter anderem Johannes Itten, der später als Leiter des Vorkurses am Weimarer Bauhaus ihr Lehrer wurde. In Stuttgart lernte sie auch die spätere Galeristin Hanna Bekker vom Rath kennen, mit der sie eine lebenslange, enge Freundschaft verbinden sollte. 1919 nahm Ida Kerkovius mit Willi Baumeister, Oskar Schlemmer und anderen an Hölzels „Mittwochabenden“ in seinem Haus in Degerloch teil, wo einige der späteren Bauhaus-Prinzipien bereits vorgedacht wurden.

Kerkovius‘ Zeit am Weimarer Bauhaus brachten der Künstlerin entscheidende Impulse, um ihre bereits weit entwickelte, persönliche Bildsprache zu vervollkommnen. Wichtig war der Vorkurs bei Itten, entscheidender war jedoch der Besuch der neu eingerichteten Webklasse, in der sie unter Anleitung von Gunta Stölzl das Web-Handwerk erlernte und sich mit ihren konstruktivistischen Mustern zunehmend abstrakten Formen näherte. In Verbindung mit den ebenfalls wichtigen Studien bei Wassily Kandinsky und Paul Klee verfeinerte sie am Weimarer Bauhaus ihre Ideen für die Bildgestaltung ebenso wie ihr außergewöhnliches Gespür für Farbgebung, Bildaufbau und Ausdruck. Ida Kerkovius verließ das Bauhaus zum Ende des Sommersemesters im August 1923 und ging zurück nach Stuttgart.

In den Folgejahren war Ida Kerkovius an renommierten Ausstellungen in Paris, Berlin, Dessau und Stuttgart beteiligt. Sie unternahm viele Reisen, u.a. nach Monschau, an den Lago Maggiore und in ihre Heimatstadt Riga. Hier entstanden Landschaftsgemälde und Stadtansichten, gleichzeitig verfolgte sie die Ausarbeitung ihrer Ideen in außergewöhnlichen abstrakten Kompositionen. Obwohl 1937 eines ihrer Werke auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München gezeigt wurde und zwei ihrer Arbeiten aus öffentlichen Sammlungen entfernt wurden, blieb sie von Berufs- und Ausstellungsverboten verschont, musste sich allerdings mit Teppichweberei finanziell über Wasser halten. Mit der Besetzung Lettlands durch sowjetische Truppen im Jahr 1939 sollte sie ihre Heimat endgültig verlieren, zudem wurde ihr Stuttgarter Atelier 1944 durch einen Bombenangriff zerstört und viele ihrer Werke gingen verloren.

Nach dem Krieg begann ihre wohl erfolgreichste Schaffensphase. Bedeutende Einzelausstellungen, eine glückliche Lebenssituation in ihrem Haus in Degerloch und ein produktiver Freundeskreis führten zu kreativem Tatendrang. Weiterhin verfolgte Ida Kerkovius gegenständliche und abstrakte Techniken und ließ beides ineinanderfließen, schuf Glasfenster und weitere Teppiche und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (1954) und vielen weiteren Ehrungen ausgezeichnet. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1970 gehörte sie zu den wichtigsten und erfolgreichsten KünstlerInnen der Bundesrepublik Deutschland. Nachdem es in den folgenden Jahren still um diese einzigartige Künstlerin geworden war, findet ihr Werk seit der Jahrtausendwende wieder größere Beachtung und Ida Kerkovius kehrt als außergewöhnliche Künstlerin zunehmend in den Blick der Öffentlichkeit zurück.

Mit der Ausstellung „Sie ist ganz Kunst‘. Ida Kerkovius – Eine Künstlerin des Bauhauses“ bringt das Kunsthaus Apolda Avantgarde die Werke der Künstlerin zum 100. Jubiläum des Bauhauses Weimar nun zum ersten Mal ins Weimarer Land. Mit über 70 farbkräftigen Werken aus allen Phasen ihres Schaffens ist es gelungen, einen spektakulären Querschnitt durch das Werk Ida Kerkovius‘ zusammenzustellen, der wichtige Facetten ihrer vielfältigen Kunst repräsentiert. Dies wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung der über 20 Leihgeber, darunter die Ostdeutsche Galerie Regensburg, die Kunstsammlungen Chemnitz, die Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen am Neckar, das Stadtmuseum Hofheim/Taunus, die Hamburger Kunsthalle, das Museum Wiesbaden, Landesmuseum für Kunst und Natur, das Kunstmuseum Stuttgart und einige Privatsammler. Zur Ausstellung erscheint ein reichlich bebilderter Katalog mit fundierten Beiträgen über verschiedene Aspekte in der Kunst Ida Kerkovius‘.